Wozu soziologische Methoden? / 13.05.2008

Soziologie erlaubt den Blick in die Genese von Sozialität. Sie beleuchtet Gründe und Hintergründe, Zwecke, Funktionen und Prozesse und sie ermöglicht Zugang zu Operationen und Strukturen des sozialen Miteinanders.

All diese - ihr eigenen, besonderen - Leistungen, schafft sie aus genau einem Grund: Ihr sind Methoden egal, sie setzt auf unverständliche, abstrahierende Theorie!!!

Methoden sind was für BWLer, VWLer, Pädagogen, Juristen, Psychologen, usw. Für alle, die sich entweder auf einen besonderen Teil von Sozialität spezialisiert haben oder für die Geisteswissenschaften, die sich auf eher anschlussfähigen statt realistischen Gesellschaftsannahmen fundieren möchten bzw. denen ein mathematisches Modell für ihre Zwecke ausreicht.

Es gibt gute Gründe Realität teilweise auszublenden, um den Fokus auf wichtiges zu lenken. Darstellungen von Vergleichen und Rankings sind anders gar nicht möglich und haben (manchmal) ihre Notwendigkeit.

Allerdings: die Behauptungen, mit standardisierter Methode ein Gesetz für die Bildung sozialer Ordnung zu finden (Konversationsanalyse), mit dem Lesen von Text latente Sinnstrukturen zu extrahieren (objektive Hermeneutik) oder durch Vergleiche allg. Wertigkeiten zu ermitteln (Benchmarking-Schruz) ist so naiv, dass sich kein von mir bevorzugter Soziologe ernsthaft mit sowas auseinandersetzen würde.

Und das ist ein großes Problem. Denn die Zweite-Klasse-Soziologen, die Methodenbücher schreiben und Realitätsbehauptungen aufstellen, werden von den gewinnbringenden soziologischen Gesellschaftstheoretikern so wenig beachtet, dass sie einfach machen dürfen was sie wollen. Und wir Studenten müssens ausbaden, weil es ein Pflichtseminar gibt, in dem wir uns mit diesem Humbug rumschlagen müssen.

Die einzige Methode die ich kennengelernt und sofort akzeptiert habe ist: “Teilnehmen oder Erinnern” um die Plausibilität einer soziol. Überlegung zu überprüfen. Diese kurze Darstellung kommt von Niklas Luhmann, dem grössten soziologischen Theoretiker und trifft genau den Punkt. Soziologische Erforschung der Wirklichkeit ist im Einzelnen immer ein Projekt und schafft als Ergebnisse niemals (einheitliche) Produkte.

Besonders amüsant ist immer zu verfolgen wenn soziol. Forschung ohne explizite Angabe einer Methode präsentiert wird, dann redet man nämlich tatsächlich über Plausibilität und Eigenheit des Gegenstandes und der Erkenntnisse, während bei der Bemühung von Methoden immer die Methoden im Mittelpunkt stehen, die dann wortreich, kritisch und zu Recht hinterfragt werden.

Hubschrauberabseilaction in HH / 11.05.2008


Ganz schön cool, was die so machen. :-) Blöd nur das das mit den Fähren heute nicht klappt.

Die zwei Seiten einer Geschichte / 09.05.2008

Hierauf wies Spreeblick kürzlich hin. Die Live-Berichterstattung der grössten amerikansichen Nachrichtensender vom 11. September 2001 kann nun minutiös nachvollzogen werden.

Augenfällig ist tatsächlich, wie unhysterisch die Berichterstattung vor sich geht. Ereignis um Ereignis passiert und wird live kommentiert, immer mit dem Hinweis, dass man nicht mehr wisse als die Bilder zeigen. Bzw. übersieht die BBC Moderatorin sogar das zweite Flugzeug, weil sie aus dem Off moderiert und wohl gerade nicht zum Bildschirm sah, sie weiss also zeitweise noch weniger als der Zuschauer.

Das die Schockstarre eine Erklärung für die Ruhe in den Studios ist, kann man gut nachvollziehen. Wenn man sich die einzelnen Kommentare und den Verlauf anhört erkennt man, für wie unwahrscheinlich die Sachlage (Terror) damals gehalten und erst nach und nach erkannt und kommuniziert wurde. Erst das zweite Flugzeug, also nach 15 Min., führte erstmals zu der Mutmassung, dass es sich wahrscheinlich nicht um einen Unfall gehandelt hat. und Bush war der erste, 40 min nach dem ersten Flugzeug, der von “Attack” und “Terror” sprach.

Wenn man sich die Berichterstattung ansieht, erkennt man, wie sehr die ‘Gehirnwäsche’ der letzten 7 Jahre gewirkt hat. Heute ist Terror so allgegenwärtig, das die Erkenntnis “Unfall” zu Entspannung, statt wie damals “Terror” zu Anspannung führt.

Was die Berichterstattung aber auch zeigt ist, dass die Medienlogik ausgeschaltet wird, wenn tatsächlich sinnhorizonteüberschreitendes passiert. Während bei allen medial verfügbaren Katastrophen gleich Vergleiche, Meinungen und Verweise bemüht werden, die Zuschauerfluss und Aufmerksamkeit steuern und kontrollieren soll, steht bei der Berichterstattung des 11. Septembers 2001 nur das Ereignis selbst zur Verfügung. (Allenfalls wird noch auf den Bombenanschlag 1993 verwiesen.)

Man kann (mit der entsprechenden Zeit und Geduld) an der Berichterstattung erkennen, wie der Welt am 11.09.2001 eine neue, nicht rückführbare Unterscheidung aufgezwungen wurde. Die Zeit zwischen 1990 und 2001 ist aus heutiger Sicht tatsächlich eine paradisische Zeit. Alles war eins, und alles was nicht dazugehörte war unwichtig genug um nicht weiter aufzufallen. Erst 2001 bahnte sich die Antithese ihren Weg auf Augenhöhe zur These, seit dem können wir Islamismus und Uns unterscheiden.

Wenn man Hegel kennt, weiss man das nun eine Synthese ansteht. Das Problem ist jedoch, nach der Synthese der zwei Seiten der Primärunterscheidung zu einer neuen These, steht immer eine neue Antithese an. Man kann behaupten, dass es besser war, den Nationalsozialismus als Antithese zu überwinden, dafür jedoch den Staatssozialismus als neue Antithese in Kauf zu nehmen. Ob es besser war, den Staatssozialismus als Gegenspieler zu überwinden, dafür den Islamismus als internationalen Terrorismus Platz zu machen, könnte man anders beurteilen. Welcher Gegenspieler sich anbahnt, wenn der Islamismus als Feinbild ausgedient hat (sei es das er besiegt wird, oder als Konstrukt entlarft wird) kann man nicht im Ansatz erahnen.

Aber ein Paradies wird es niemals geben. die 90er Jahre des 20Jhr. waren ein sehr unwahrscheinlicher Glücksfall, der genauer betrachtet vielleicht nur als Ruhe vor dem Sturm, und damit als dem Sturm zugehörig betrachtet werden kann.

Mitmach- und Meinungsfernsehen / 07.05.2008

Manchmal wünschte ich mir im Fernsehen einfach mitmachen zu können. Gestern gab es eine interessante Runde bei Maischberger, auf die im Vorfeld das ganze deutsche Internet hingewiesen hat. Bodo Schäfer, Heiner Geißler und Sascha Lobo (+ noch zwei weiter) redeten über Rente.

Lobo und Geißler sind, wenn auch mit unterschiedlichen Perspektiven, Realisten, die sicher keine Schwierigkeit gehabt hätten auf einen Nenner zu kommen. Gegensätzlich dazu stand Bodo Schäfer mit seiner Privatisierungs- und Selbstverantwortungsmeinung, die er, und das war das eigentliche Problem der Sendung, viel zu professionell anbringen konnte. Es ist nicht schwer, das aktuelle Rentensystem zu kritisieren und Leute wie Bodo Schäfer sind einfach zu professionell, als das sie vor solch einer Sendung nicht tagelange Vorbereitung betreiben würden um dann während solcher Sendungen “Erstens, Zweitens, Drittens”-Listen runterzubeten und “meinen Berechnungen zu Folge” zu sagen.

Sein Konzept, “Geld für sich arbeiten zu lassen”, ist als Perspektive für 82 Mio. Menschen so primitiv, das man es ihm mit Links hätte um die Ohren hauen können. Man hätte ihn draufhinweisen können, dass die DAX Bewegung des letzten Jahrzehnts horizontal verlief, dass Banken mit Geld nicht umgehen können, vor allem nicht, wenn es “Arbeiten soll”, dass gerade die organisierten Pensionsfonds erheblich zu der aktuellen Bankenkriese beitrugen, …

Das hier war sicherlich ein Witz, schließlich hat Lobo (wie auch Schäfer) ein Buch geschrieben, das nicht allzuweit vom Thema entfernt ist, dennoch wurde mir zu wenig die andere Meinung kleingeredet. Lobos Hinweis, dass man mit einer 14.000 Euro Uhr keine Aussagen über Menschen mit 1000 Euro Monatseinkommen treffen darf, war richtig und gut platziert - aber eben auch ein (auf die Sendung bezogen) unsachlicher Kommentar, der die Meinungsfronten wahrscheinlich eher verhärtete.

Auch Geißler hat weniger auf sachlicher Ebene gegen Schäfer angebracht, sondern sich lieber in “Lassen sie mich doch mal ausreden”, “Jetzt bin ich aber dran” - Spielereien von Schäfer verwickeln lassen.

Es braucht eindeutig mehr Aufmischpotential auf sachlicher Ebene. Ohne das ich diese Forderung als Vorwurf den Beteiligten der gestrigen Sendung hinstellen möchte, wünschte ich mir, im TV würden mal wieder echte Meinungen aufeinanderprallen. Anstatt die eigene Meinung zu vertreten, sollte man erstmal die anderen Meinungen kennen und kritisieren können. Die Frage nach der eigenen Meinung wird dann noch früh genug gestellt.

Aufschlußreiches Transskript / 06.05.2008


Wenn Soziologen sowas schreiben, haben sie zu wenig anderes gelesen.

Erstes Leben auf dem Balkon / 05.05.2008


…nur leider sind es weniger die Blümchen, die dann doch langsam mal aus
dem Boden hervorkommen sollten. Wahrscheinlich bin ich zu ungeduldig.