Wahlbeobachtungen - kl. Ergänzung

Es überrascht mich immer wieder zu sehen, wie einfach die politische Partizipation in Amerika ist. Theoretisch hab ich es (teilweise mit) abgehandelt, hier aber noch ein Verweis auf gut dokumentierte Empirie: Einige Bemerkungen zu den Anti- und Pro-Millitär-Demonstrationen in Berkeley.

Es bestätigen sich zwei Thesen: 1. In Amerika braucht es weder Parteien noch Politiker um Politik zu machen. Bürger und entsprechende Strukturen reichen völlig aus. 2. Die größten (konstruktiven*) Engagements gegen die amerikanische Bundesregierung sind in Amerika selbst zu beobachten.

*Aufgeputschte Mobs auf den Strassen einiger Länder werden nicht unter Engagement verbucht.

Wahlbeobachtungen - Humor/Ernsthaftigkeit

Über Personen/Parteien und Vertrauen/Programme ist schon viel gesagt. Fehlt noch eine Wahlkampfbeobachtung, die einen fundamentalen Unterschied zwischen Amerika und Deutschland bezeichnet: Das (Selbst-)Verständnis der Amtskandidaten darüber, ob man als Politiker eine ernsthafte Trivialmaschine mimen oder ein ganzer Mensch sein darf. Dazu aber nur ein Verweis auf eine passende Beschreibung: Der US-Comedy-Wahlkampf 2008 im Fernsehlexikon.

So richtig differenztheoretisch aufziehen liese sich dieses Thema auch gar nicht. In Deutschland gibt es keine lustigen Politiker. Sie war die letzte die zum Mitlachen anregte. Er hat vielleicht Potential, dafür ist aber beinah ausgeschlossen, dass aus ihm je ein echter Spitzenkandidat wird bevor ihn die Parteidisziplin entmenschlicht.

Wahlbeobachtungen - Vertrauen/Versprechen

Deutsche Wahlkämpfe machen keinen Spaß. Sie lenken die Politiker vom Tagesgeschäft ab und führen beim Wähler zu langweiliger Nerverei in Fußgängerzonen und Briefkästen. In Wahlkampfzeiten sind die Straßenzüge mit nichts sagenden Politikerköpfen zugepflastert (oder schlimmer) und überall finden vereinzelt kleine Veranstaltungen in Gemeinderäumen statt, in denen Sachexperten und Sympathieträger erzählen, weshalb die Welt gerade schlecht ist und es sich lohnt ihre Partei zu wählen. An guten Tagen sind Marktplätze voll. Vorne hört man dann anständig zu was erzählt wird und hinten pfeift man rum.

Amerikanische Wahlkampfzeiten sind dagegen ein riesen Spaß. Fußgängerzonen werden mit allen möglichen Kram behangen (oder bemalt) und es gibt Spielerein für die ganze Familie. Alle sind dabei. Wenn jemand zu einer Veranstaltung läd, ist es der Kandidat selbst der kommt und von Zehntausenden erwartet wird. Und wer nicht dabei sein kann, wird so eingestimmt.

In Amerika spielt allein die Person, der Kandidat für ein politisches Amt, eine Rolle. Seine Herkunft, seine Vorhaben, Visionen und Ideen sind entscheidend. Programm und Parteizugehörigkeit stehen hinten an. In Deutschland ist diese Art des Personenkults historisch verdorben. In Amerika ist er das politische Nonplusultra. Es motiviert die Wähler, trotz ihrer Enttäuschungen und dem allgegenwärtigen Misstrauen der Politik gegenüber, Beziehungen und Vertrauen zu Politikern aufzubauen, und so das Hier und Jetzt der Politik nicht nur erträglich zu machen - sondern aktiv mitzugestalten und so zu ermöglichen. Zu beobachten ist außerdem, dass je schlechter die allgemeine Lage eingeschätzt wird, die Wahlkampfpartizipation umso höher in der Bevölkerung zu beobachten ist. (In Deutschland ist es, bis es mal richtig knallt, genau entgegengesetzt zu beobachten. Politische Enttäuschung wirkt sich als Politikverdrossenheit aus.)

Ein entscheidender Unterschied zwischen Deutschland und Amerika ist, dass in Deutschland Parteien und in Amerika Personen gewählt werden. (Nachlesen)

Entscheidend ist aber auch, auf was der Schwerpunkt des Wahlkampfes gelegt wird. Soll es um Emotionen, persönliches Vertrauen und Anteilnahme oder um Fakten, Programme und Versprechen gehen? Wie wichtig ist ein detailliertes Programm, dass in all seinen Fakten, Themen und Aspekten dem Wähler zum Vergleich mit anderen Parteiprogrammen anregen und seine Wahlentscheidung herleiten soll?

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Wahlbeobachtungen - Person/Partei

Wahljahre sind Ausnahmezeiten, nicht nur in Amerika. Vor allem in Deutschland kennt man das Problem, dass in Wahlkampfzeiten beinah jedes politische Engagement und Personal auf die Zeit nach der Wahl ausgerichtet wird und die Tagespolitik dadurch auf der Strecke bleibt. Dass gerade dann, wenn Politik dem Wähler gegenüber als besonders wichtig dargestellt wird, (entscheidende) Politik selbst kaum mehr stattfindet, ist ein Paradox, dass als Symptom eher auf allgemein menschliche Schwächen verweist, als auf Probleme der Politik zurückzuführen ist. Eine der langfristigen, und damit von der Politik umbeherrschbaren, Nebenfolgen ist eine allgemeine Politikverdrossenheit in zwei Etappen. Zuerst ist man von der Partei, der man am nächsten steht, enttäuscht, danach verdammt man allmählich das gesamte politische System.

Beim Betrachten der Vorwahlen in Amerika, den jubelnden, begeisterten Menschen und der großen Reden der Politiker vor zehntausenden Menschen scheint man den Eindruck zu gewinnen, dass es diese Art der Politikverdrossenheit nicht gibt. Allem Augenschein nach liegt es an der starken Personenzentrierung, die die Parteien entlastet und Politik zu einer Verkettung epochaler Phänomene werden lässt, anstatt im Einheitsbrei aus Wahlversprechen der Parteien und Enttäuschung der Wähler aufzugehen.
Im Folgenden nun detailierte Beobachtungen der Parteien-Personen-Differenzierung bezogen auf Politik am Bsp. der amerikanischen und deutschen Wahlkämpfe. Die Beobachtung schließt vieles kategorisch aus, das zumindestens erwähnenswert ist, hier aber dennoch nicht erwähnt wird. Zur Ergänzung empfehle ich: Die Grobstruktur der USA nachzulesen. Das Grundgefüge der USA birgt einige Überraschungen in sich, die zu Wissen das Verständnis, auch des folgenden Textes, erleichtert.

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Praktische Theorien

“Nichts ist praktischer als eine gute Theorie” - Klingt als Spruch ganz toll. Tangiert mich und alle anderen fähigen Soziologen in Bielefeld aber nicht. Eine gut umfasste und durchdefinierte Gegenständlichkeit führt nicht automatisch zu einer (praktischen) Theorie, die diese Gegenständlichkeit, womöglich noch dieser Gegenständlichkeit selbst, so aufzeigt, dass damit irgendwer - wir oder sie - etwas anfängen können.

Die Soziologie ist keine Lehre, weder von Betrieben noch von Wirtschaft, sondern eine eigenständige und respektlose Perspektivsuche. Im Zentrum steht nicht der Gegenstand sondern die Beobachtung. Daher leitet sich auch jegliche Theorie über einen sozialen Gegenstand (von Interaktion bis Gesellschaft) als ein Auswuchs einer Theorie des Beobachtens ab. Und bleibt pure Beobachtung. Jegliche Initiative, die darauf basiert, ist keine Soziologie mehr, sondern gehört zum Gegenstand, ist nicht Erkenntnishandlung auf Basis der Beobachtung sondern Auswuchs des ursprünglichen Gegenstandes der beobachtet wurde und weiter beobachtet wird.

Die Soziolgie kennt keine Ideale, nur dargelegte, hergeleitete oder beobachtete Vergleichsmöglichkeiten (plural!). Sie versteht sich als vernünftige Abkehr von der Vernunft (Detlef Krause) oder als Abklärung der Aufklärung (Luhmann, Stefan Lange).

Interessant wird es nächstes Semester in Bielefeld, wenn es ein Seminar zu “Organisation und Genozid” (in dem Falle den Holocaust) geben wird. Die Gegenständlichkeit, die ohne moralische Nebensätze beinah nicht kommunizierbar ist, aus soziologischer Perspektive betrachtet. Jenseits jeglicher Semantik (wie “Mensch”, “Täter”, “Opfer”, “Nationalität”) oder historischer Singularitätsvermutung ist da soziologischer, und damit für alle die wollen, Erkenntnisgewinn zu erwarten, der dann in mehr oder weniger auftherapierter Form auf Anschlußsuche geht.

Luhmanns Denkarium

Ich gehöre ja zu denen, die nicht nur andauernd Tokio Hotel hören, sondern auch immer Harry Potter am Erscheinungswochenende zur Hand nahmen und meistens auch binnen 3-Tagesfrist durchlasen. Was, grundsteinlegend für diesen kurzen Beitrag hier, bedeutet, dass ich die Faszination kenne, die im Leser ausgelöst wird, wenn man erfährt, dass Harry Potter die Möglichkeit gegeben wird, Vergangenheit auf der direkten Beobachtungsebene zu erfahren. Das, was sich jeder Historiker wünscht, jeder Nostalgiker bewahrt und wovon Eltern träumen, wenn sie ihre Kinder belehren - passiert Harry einfach so, durch einen Unfall. Er fällt in Professor Dumbledores Denkarium. Eine Schale die mit silbernen, wabernden Gedanken gefüllt ist, in die er hineingezogen wird, als er sich zu nah nach unten beugt, um zu erkennen, um was es sich da handelt.

Nun ist es normalerweise so, dass es sich bei Harry Potter um einen Buchhelden handelt, genau wie bei Dumbledore, der durch seine unendliche Weisheit selbst im Sterben dem Bösen noch ein Schnippchen schlägt. Dieses Denkarium ist als Idee an sich und als Werkzeug im Buch eine der faszinierendsten Dinge, übertroffen vielleicht nur noch von Portschlüsseln und Zelten, die von außen klein aber von innen riesig sind.

Wie auch immer … Solch ein Denkarium gibt es tatsächlich, und noch besser, auch einen dazugehörigen, in seiner unendlichen Weisheit faszinierenden, Dumbledore. In echt heißen sie jedoch: Niklas Luhmann und sein Zettelkasten (eigentlich ist ja sein ganzes Büro ein einziger Zettelkasten).

Und Andre Kieserling ist in dem Fall Harry Potter. Ich habe ja nun das Glück an der Uni Student zu sein, in der er lehrt, wodurch ich ihn regelmäßig (zumindest) erlebe und daher vermute ich, dass er in diesem Radiointerview ziemlich untertreibt und am Wochenende einen wahrhaft bewegenden Moment erlebte, als er Luhmanns Denkarium durchstöbern durfte.

Ob jetzt zu viele Kommas in dem Text hier sind..?

Umgang mit Wahrheit

Wir Menschen sind ja immer noch Jäger und Sammler. Weshalb wir unsere Urinstinkte in dieser modernen Zeit nicht abgelegt haben, ist die Frage, der manche Wissenschaftler meiner Meinung nach völlig unbegründet nachgehen. Auch die modernen Zeiten, sagen wir die letzten 300 Jahre Zivilisationsgeschichte, erfordern von uns, dass wir im Grunde Jäger und Sammler sein müssen, um überleben zu können.

Wir sammeln und jagen: Macht, Geld, Wahrheit, Erfolg, Gesundheit und vieles Weiteres mehr. Früher, als man noch Beeren und Reißaus nehmendes Fleisch jagte und sammelte, war nur alles einfacher - aber nicht anders.

Anstatt im Wald jagen und sammeln wir heute in Organisationen. Im Unternehmen jagen wir dem Geld hinterher um es einzusammeln, in der Uni jagen und sammeln wir die Wahrheit, im Krankenhaus jagen wir Gesundheit und im Sportverein jagen und sammeln wir Erfolge. Im Prinzip ist alles wie früher, nur toben wir nicht mehr nur durch den Wald.

Nun stellt sich jedoch die Frage: Was ist die Wahrheit? Wie kann man sie sammeln oder ihr hinterher jagen.

Vom Geld wissen wir, was es ist und wie wir es bekommen. Geld ist das, was wir überall benutzen können, um alles zu erhalten, ohne das wir jemanden überreden müssen uns etwas zu geben. Wir tauschen es einfach gegen Geld. Die Frage ist also nicht - was ist Geld, sondern eher praktisch: Wie viel habe ich zur Verfügung und wie komme ich an mehr?

Ebenso einfach ist es bei sportlichem Erfolg, Gesundheit und vielem Weiteren. Sportlicher Erfolg ist, wenn man ganz oben auf der Liste steht, die Leistungen nach vorgefassten und von allen akzeptieren Standards vergleicht. Gesundheit ist, wenn wir uns psychisch und physisch gut fühlen bzw. den anderen nicht grundlegend nachstehen, wenn wir uns mit ihnen vergleichen. Usw…

Aber wie gehen wir nun mit der Wahrheit um, wo wir doch wissen bzw. es für wahr erachten, dass wir vielleicht gar nicht die richtigen Sinne haben, um sie zu erkennen. Man kann argumentieren, dass wir uns auf gewisse Standards festgelegt haben, Methoden, die zumindest Argumente vergleichbar machen. Aber das kann ja nicht die ganze Antwort sein.

Schließlich gibt es da die Paradoxie, dass man sich nur über Dinge unterhalten kann, die alle gleich erleben oder aber mindestens: die alle auf Basis gleicher Standards erleben. Es gibt: juristische Wahrheiten, sportliche Wahrheiten, die Wahrheiten der Bilanzen, die Wahrheit über Gesundheit – eben Wahrheiten anhand von Standards. Jedoch keine absoluten Wahrheiten. Mann kann keine Standards finden, wenn alles möglich sein muss, da Standards Unterscheidungen vor-festlegen und dadurch ergebnisoffene Beobachtung ausschließen.

Spreeblick Malte schreibt:

Würde eure Mutter plötzlich, wenn ihr sie nach der Erdbeermarmelade fragt, antworten, dass die Beeren vor vielen Jahren von Jesuiten in der Erde versteckt wurden, um die Menschen zu Bergbauarbeiten zu verführen, dann wäre es offensichtlich nur begrenzt sinnvoll, darüber zu diskutieren, ob ein wahrer Kern in dieser Botschaft steckt. Es ginge um die Frage, ob man ihr helfen muss.

Ist es so einfach? Wo ist der Standard, der darüber richtet, dass die abstrusen Argumente Einzelner eben nicht als Argument sondern als Krankheitssymptom zu behandeln sind.

Ich habe vor zwei Wochen selbst erlebt, wie ein hoch angesehener Wissenschaftler, der für jeden Tag seiner Präsenz 1000 Euro abrechnet argumentierte:

Wer das Materhorn verstehen will, muss sich nur einen kleinen Stein des Matherhorns anschauen. Die ganze Wahrheit steckt da drin.

Solche Menschen lässt man als Wissenschaftler gewähren, weil man einfach keine Handhabe ihnen gegenüber hat. Man kann sie aus dem Wissenschaftsbetrieb ausschließen, aber dann muss man sie komplett rauswerfen – auch alle die anderen Ideen, die vielleicht auf mehr Anklang stoßen. Und, und das ist ein Problem, aus dem Wissenschaftsbetrieb ausschließen meint nur: aus dem Publikationswesen ausschließen. Mit Wissenschaftsbetrieb im eigentlichen Sinne, hat das ja nichts zu tun.

Den Weg der Wahrheit kann man entlang gehen, man wird jedoch nie ein Ende erreichen.

Die Antwort auf das Problem ist das der Phänomenologie: Scheiß auf objektive Rationalität, gib jedem seine eigene. Die Systemtheorie macht uns und alles zu Systemen – und sagt: Jedes System hat seine eigene Rationalität. Objektive Vernunft ist überholt bzw. es hat sie nie gegeben. Und Wahrheit gibt es in so vielschichtiger Art und Weise, das jeder seine eigene haben darf.

Daher: Es war verständlich, aber eigentlich nicht richtig, dass Joachim Bublath die Maischbergersendung verließ.

Luhmannverständnis

Es ist zugegebenermaßen nicht einfach Luhmann inhaltlich zu folgen. Vor allem dann nicht, wenn man mehr als nur einen Text braucht um Zusammenhänge zu durchforsten. Eine recht große Hilfe ist mir gerade Detlef Krause mit seinem Luhmann-Lexikon.

Wenn man sich die Amazon Leserkritiken anschaut, merkt man schon, wo der Hund begraben liegt. Eigentlich geht es ganz gut los. Oftmals muss man sich fragen, weshalb die Luhmannversteher ihr Verstandenes noch unverständlicher verpacken, als es Luhmann selbst getan hat. Warum Luhmann so kompliziert geschrieben hat, ist in diesem und vielen anderen Büchern recht plausibel beschrieben und wenn man folgendem Satz vertraut, geht man doch davon aus, dass dieses Buch das Feld ein bisschen aufräumt:

Vereinfachung also, na dann mal los:

Sich selbst oder sich selbst braucht man also für sich selbst… Ahja. Und wie war das nun mit der “darstellungstechnischen Vereinfachung?”:

Aaaah!

Herr Krause hat hier wirklich kein einfaches Buch geschrieben. Unterhaltsam und lehrreich ist es aber allemal. Da man aber so oft “Einführungswerk” oder sonstiges hinzuschreibt, sollte man auf dieses Buch irgendwas wie “Ergänzungsliteratur” oä schreiben, damit keiner auf die Idee kommt, hier tatsächlich ein Eben-Mal-Nachschlagen-Lexikon zu erwerben.

Fw: Es ist, wie es ist

Dieser Text ist ganz hervorragend. Es gibt anscheinend mehrere Zugänge zur Soziologie als nur den soziologischen, den einzigen den ich bisher kennen gelernt habe. Daher hier eine Leseempfehlung - für den verlinkten Beitrag und den Rest der Seite.

Zitat des Tages

Niklas Luhmann sagt:

Die moderne Gesellschaft scheint eine Grenze erreicht zu haben, an der nichts mehr nicht kommunizierbar ist - mit der einen Ausnahme: der Kommunikation von Aufrichtigkeit.
Denn wenn man nicht sagen kann, dass man nicht meint, was man sagt, weil man dann nicht wissen kann, dass andere nicht wissen können, was gemeint ist, wenn man sagt, dass man nicht meint, was man sagt, kann man auch nicht sagen, dass man meint, was man sagt, weil dies dann entweder eine überflüssige und verdächtige Verdopplung ist oder die Negation einer ohnehin inkommunikablen Negation. Dies Paradox der Kommunikation ist nicht zu vermeiden.

aus: Gesellschaft der Gesellschaft, Seite 311

Ja, ich und du und überhaupt

weihnachten2 010 Man könnte ja meinen: Endlich, endlich haben sie den richtigen gewählt. Mich, mich und mich, so egozentrisch wie’s nur der Matrix Mr. Smith kann. Die Time Person of the Year ist dieses Jahr You. Wurde ja in zwischen auch ausgiebigst breitgetreten.

Aber drinnen steckt leider nicht viel mehr als alberne Lobhudelei mit aufwendigem Bildmaterial. Es wurden einfach die gängigen (”Web 2.0″) Internetservices abgeklappert und anhand jeweils einem User ein bisschen was drüber geschrieben. Megan Gill hat nämlich 708 Facebookfreunde und von ihrem richtigen trennte sie sich, indem sie ihren Beziehungsstatus auf “Single” umstellte. Andere performen ihr ganzes Leben Youtubegerecht und Tila Tequila ist die “Madonna von Myspace”. Richtig überraschend ist der Text eigentlich nur kurz, wenn es um Harriet Klausner geht. Sie hat beinah 13.000 Amazon Bücherkritiken geschrieben und schafft das, indem sie 5 Bücher am Tag liest, wobei sie sich darüber wundert, dass einige Menschen eine Woche für ein Buch brauchen. Und dann gibt’s noch ihn, den Wikipedianisten der 90.000 Artikel bearbeitet und 2.000 bis 3.000 selbst erstellt hat. Unglaublich die Leute.

An anderer Stelle im Heft wird auch mal kurz auf die Technik geschaut, allerdings ein bisschen zu kurz meiner Meinung nach. Schließlich ist sie es, die das alles ermöglicht. Die Menschen, also You, gab’s nämlich auch vorher schon…
Und an noch kürzerer Stelle, wurde die Lobhudelei mal etwas eingedämmt und drüber nachgedacht, was wäre, wenn der 11. September fünf Jahre später passiert wäre, in einer Zeit in der die Bilder tatsächlich mit einem Gerät geschossen und versendet werden können und diese Prozedur unendlich kürzer (und damit viel öfter wiederholbar) ist, als dass ein World Trade Center Turm nach einem Flugzeugeinschlag dem Einsturz widersteht. Solche Bilder gab es bisher nämlich nicht mal richtig im Kino.

Ungleiches unter Gleichen

Die große weite Welt soll Eins werden. In den letzten hunderten von Jahren wurde auch einiges getan damit das alles klappt. Die ganze Kleinteilerei wurde aufgehoben. Die Differenzierung der Welt in viele gleiche Segmente gibt es nicht mehr, dafür die Aufteilung der Welt in unterschiedliche Aufgabenbereiche - und viele davon global. Luhmann und andere nennen dies funktionale Differenzierung.

Es wird dabei beschrieben das viele (und zunehmend mehr) Einzelsysteme spezialisierte Formen annehmen und ihre Wirkungsweise über die ganze Welt spannen. Angefangen hat das mit dem Handel. Dann kam der Sport, die Bildung und mit ihr die Wissenschaft und ein paar weitere. In jeweils allen Bereichen weltweit die selben, enggefassten, akzeptierten Standarts.

Seit es so ist, dass wissenschaftlicher Fortschritt (egal wo auf der Welt) wirtschaftlich umgesetzt werden kann (auch global) und weiteren Wissensfortschritt forciert blüht die Welt praktisch (nicht überall aber mehr als jeher).

Das Problem: Eins unserer wichtigsten Funktionssysteme spielt in diesem fröhlichen Miteinander nicht mit, weil es das (nocht) nicht kann - die Politik. Sie agiert nicht global, sie henkt am Nationalstaat und das 196 mal auf der Welt.

Luhmann meint das sei so da die Welt zu unterschiedlich ist - politische Entscheidungen müssten jeweils nationalen Bedingungen angepasst werden. Ein weiterer Punkt: Politik muss sich legitimieren bevor sie loslegt. Wissenschaftler und Manager oder Sportler müssen das nicht. Sie nehmen teil indem sie sich an Standards orientieren. Der Wissenschaftler weiss: wahr ist was (für viele) plausibel ist; der Manager lernt und weiss was Geld bringt; der Sportler trainiert und ist erfolgreich und dabei. Der Politiker jedoch möchte Entscheiden, darf das aber nicht (einfach so).

Die Demokratie fesselt die Politik also an den Nationalstaat und sein mit der Legitimation beauftragtes Volk und kann dadurch nicht im Weltweiten Konzert des Fortschritts mitspielen. Ein echtes Problem, vor allem für die Politiker, da sie so tun müssen als könnten sie es doch damit sie überhaupt noch legitimiert werden.