Die Türken. Echte kenne ich nicht, nur die Deutschtürken, Türken in Deutschland, Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund oder wie auch immer. Wenn man sie (ich beschränke mich auf unter 30 jährige, männliche) auf der Strasse sieht, liegt einem die Frage wirklich fern, warum sie einen Paragraphen in ihre Gesetze aufgenommen haben, der die “Beleidigung des Türkentums” unter Strafe stellt.
Auf der individuellen Ebene ist es ja akzeptabel, dass jeder, der möchte, seinen auf coolness basierenden Begriff von Ehre als Frisur trägt und sich nicht weiter fragt was die Welt darüber denkt. Das sich aber ein Land darauf einigt, es in ein allgemeines und nicht nur symbolisches Gesetzt zu giessen, ist wirklich nicht zeitgemäs.
Die internationale Empörung war selbstverständlich (und ist es heute erst recht) und nach den jüngsten Vorfällen kam auch innerhalb der Türkei zunehmend Protest auf. Auf der Strasse und unter den Intellektuellen, zu denen ja auch der aktuelle Literatur Nobelpreisträger gehört.
Aber solange sich nichts ändert, gehört es weiterhin zu den Verboten, den Völkermord an den Armeniern im damaligen Osmanische Reich (heute Türkei) zu erwähnen.
Grund genug für das Time Magazin mal wieder einen (zumindest medialen) Coup zu landen und einen kleinen Teil zur Aufklärung beizutragen. In der aktuellen Ausgabe gibt es eine DVD mit historischer Dokumentation. Im Heft eingeleitet mit dem Zitat von Hitler vom August 1939:
Who, after all, speaks today of the annihilation of the Armenians?
Es war damals schon vergessen und soll heute weiterhin vergessen werden. Obwohl dieses das historische Ereignis war, das den Begriff Genozid in die Geschichtsschreibung einführte.
Der Genozidbegriff erschöpft sich aber nicht im Rassismus. Peter Sloterdijk schreibt in ‘Zorn und Zeit’ über die “Kulaken” (ukrainische, wohlhabende Bauern) die unter Stalins Herrschaft in der quasikommunistischen Sowjetunion, aufgrund unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit, ermordet wurden:
Sie bilden noch immer das größte Genozidopferkollektiv der Menscheitsgeschichte - zugleich eine Gruppe von Opfern, die sich gegen das Vergessen des ihnen angetanenen Unrechts am wenigstens wehren kann.
Der Wikipediaartikel zu Kulaken ist recht kurz, informiert aber darüber, dass es sich um 10 Millionen bis 15 Millionen Opfer gehandelt haben muss. Im Buch wird folgendermaßen resümiert:
Noch hat das Publikum nicht zur Kenntnis genommen, wieweit der Klassismus vor dem Rassismus rangiert, was die Freisetzung genozidaler Energien im 20. Jahrhundert anging.
Mit dem Rassismusbegriff erhält man einen Zugang zum vergangenen Jahrhundert, mit “Klassismus” kann man doch aber rein gar nichts anfangen. Irgendwie haut das mit der Geschichtsschreibung nicht richtig hin.