Mitmach- und Meinungsfernsehen

Manchmal wünschte ich mir im Fernsehen einfach mitmachen zu können. Gestern gab es eine interessante Runde bei Maischberger, auf die im Vorfeld das ganze deutsche Internet hingewiesen hat. Bodo Schäfer, Heiner Geißler und Sascha Lobo (+ noch zwei weiter) redeten über Rente.

Lobo und Geißler sind, wenn auch mit unterschiedlichen Perspektiven, Realisten, die sicher keine Schwierigkeit gehabt hätten auf einen Nenner zu kommen. Gegensätzlich dazu stand Bodo Schäfer mit seiner Privatisierungs- und Selbstverantwortungsmeinung, die er, und das war das eigentliche Problem der Sendung, viel zu professionell anbringen konnte. Es ist nicht schwer, das aktuelle Rentensystem zu kritisieren und Leute wie Bodo Schäfer sind einfach zu professionell, als das sie vor solch einer Sendung nicht tagelange Vorbereitung betreiben würden um dann während solcher Sendungen “Erstens, Zweitens, Drittens”-Listen runterzubeten und “meinen Berechnungen zu Folge” zu sagen.

Sein Konzept, “Geld für sich arbeiten zu lassen”, ist als Perspektive für 82 Mio. Menschen so primitiv, das man es ihm mit Links hätte um die Ohren hauen können. Man hätte ihn draufhinweisen können, dass die DAX Bewegung des letzten Jahrzehnts horizontal verlief, dass Banken mit Geld nicht umgehen können, vor allem nicht, wenn es “Arbeiten soll”, dass gerade die organisierten Pensionsfonds erheblich zu der aktuellen Bankenkriese beitrugen, …

Das hier war sicherlich ein Witz, schließlich hat Lobo (wie auch Schäfer) ein Buch geschrieben, das nicht allzuweit vom Thema entfernt ist, dennoch wurde mir zu wenig die andere Meinung kleingeredet. Lobos Hinweis, dass man mit einer 14.000 Euro Uhr keine Aussagen über Menschen mit 1000 Euro Monatseinkommen treffen darf, war richtig und gut platziert - aber eben auch ein (auf die Sendung bezogen) unsachlicher Kommentar, der die Meinungsfronten wahrscheinlich eher verhärtete.

Auch Geißler hat weniger auf sachlicher Ebene gegen Schäfer angebracht, sondern sich lieber in “Lassen sie mich doch mal ausreden”, “Jetzt bin ich aber dran” - Spielereien von Schäfer verwickeln lassen.

Es braucht eindeutig mehr Aufmischpotential auf sachlicher Ebene. Ohne das ich diese Forderung als Vorwurf den Beteiligten der gestrigen Sendung hinstellen möchte, wünschte ich mir, im TV würden mal wieder echte Meinungen aufeinanderprallen. Anstatt die eigene Meinung zu vertreten, sollte man erstmal die anderen Meinungen kennen und kritisieren können. Die Frage nach der eigenen Meinung wird dann noch früh genug gestellt.

Internet is for breaking news!

Ohne weitere Worte zur geilsten Meldung des Tages –>

Noch besser als Kandinsky..?

Stellen wir uns mal eine Welt vor, in der es nicht problematisch ist, dass alle psychischen Vorgänge der sozialen Welt verborgen bleiben. Bzw. stellen wir uns eine Welt vor, in der der Umstand, dass Phänomene der Psyche einfach nicht in die soziale Welt der Kommunikation vordringen können nicht als Problem, sondern als normale Tatsache erkannt wird. Stellen wir uns also eine Welt vor, in der wir alle dem Autismus ausgeliefert sind.

Ich habe meinen musischen Autismus schon vor langem akzeptiert und antworte auf die Fragen ala: Wieso hörste Tokio Hotel, Britney Spears, Rammstein und Peter Gabriel hinternander? Nur noch mit offensichtlichen Quatschantworten oder gar nicht. Bei solchen Fragen wird die Differenz zwischen Erleben (Musik hören) und Handeln (über Musik reden) unterschätzt und die Überwindungsleistung ders. dem Antwortendem auferlegt.

Neuerdings habe ich festgestellt, dass meine Augen auf gleiche Weise an mein Gehirn gekoppelt (also auch auf gleiche Weise von der Restgesell. entkoppelt) sind.

Hommage to Kandinsky

Daher soll hier die Erklärung folgen: Dieses Bild von Alfred Gockel, das ich vor Wochen auf der Suche nach Kandinskys gefunden habe, ist besitmmt das grossartigste Gemälde, dass meine Augen jemals sahen. Und zwar, weil es so schön bunt ist…

(Quelle d. Bildes: AllPosters.com)

Zwei tolle Reportagen

Ich habe Freitag durch Zufall zwei ganz außergewöhnliche Reportagen im Fernsehen gesehen. Bei so was handelt es sich ja immer um ein bisschen Glück, ich habs geschafft bei beiden nur wenig vom Anfang zu verpassen. Die erste handelte von Chris und Timbo - Mensch und Elefant, die eine Beziehung führen, wie es Elefanten und Menschen für gewöhnlich mit ihresgleichen tun. In der zweiten Reportage ging es um den Lehrer Rafe Esquith und seine Schulklasse.

In beiden Reportagen geht es um die Lebensverläufe von Amerikanern, die ständig dem Milieu amerikanischer Vorstädte ausgeliefert sind. Im ersten Fall von Chris, dem Elefantenmann, spielt das als graue Vorzeiterinnerung eine Rolle im zweiten Fall unternimmt der Lehrer Rafe Esquith menschenunmögliches um die Migrantenkinder seiner Los Angeles Vorstadtgrundschule vor Biographien wie der vom jungen Chris zu bewahren.

Jetzt zwei Tage später denke ich immernoch (nicht nur weil ich hier darüber schreibe) über beide Herren nach. Im Grunde führen sie das Leben, wie es gepredigt wird. Geld ist für sie nur Mittel zum Zweck, neben anderen. Das Ego erstreckt sich über die nächsten Menschen und sie kennen Gewalt nur (noch) als fremdartiges , unerklärliches und kurzsichtiges Verhalten. Sie leben nicht in einer globalisierten, unfassbaren Welt sondern verwirklichen sich in ihrem Umfeld, das direkt auf sie zurückwirkt. Man kann die Besonderheiten der beiden gar nicht in Worte fassen, erst recht nicht in so wenige…

Kann ich also empfehlen. Die erste Reportage entspannt und die zweite begeistert. (Is aber leider Fernsehen, kann man also nicht verlinken und überhaupt - obwohl die zweite Reportage auf Arte lief ist sie nicht im Arte+7 Fundus.)

(Bild frech vom NDR geklaut)

Informationsgesellschaft? pah!

jj.jpgJournalismus, Blogismus und Twitterismus - bei diesem informationstechnischen Dreiklang wird einem differenzierungstheoretisch beinah warm ums Herz.

  1. Zuerst die grossen Zeitungen: Aufwand für sinnvolle Gestaltung*, informationelle Ausgewogenheit und Komposition.
  2. Dann Weblogs: Mit Initiative gefüllt, nach Autors Belieben.
  3. Und Twitter: Kurze Infos ohne Layout in die Welt gezwitschert.

Schnittmengen gibt es hier nur augenscheinlich. Zeitungen transportieren Information, Weblogs Meinungen, Tweets Notizen, Grüsse, Alberei, Hinweise. In ihren Auswirkungen schweben die Techniken der drei Ebenen in ihren eigenen Sphären (zumindest jetzt noch). Die Gemeinsamkeit ist, dass es sich um Informationstechniken handelt. Vielleicht wurde deshalb ein prägender Geselleschftabegriff hervorgebracht.

In der Wikipedia steht zur Informationsgesellschaft:

Der Begriff Informationsgesellschaft bezeichnet das Leitbild einer auf Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) basierenden Transformationsgesellschaft und Informationsökonomie. Der Prozess der Durchdringung aller Lebensbereiche mit IKT, durch den sich eine postindustrielle oder postmoderne Informationsgesellschaft bildet, wird als Informatisierung bezeichnet (Nora/Minc 1979). Hierbei wirken die induzierten Veränderungen auf das kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft und ihre Werte.

Informationstechniken und -technologien sollen zu einer Informationsgesellschaft führen. Vielleicht kann man das aber auch noch mal differenzieren. Denn so wie’s da steht ist es trügerisch. So als ob in der Informationsgesellschaft alle Welt informierter wäre.

Die Möglichkeit der Benutzung informationstechnischer Systeme führt nämlich zwangsläufig nur zu einem: Mitteilungen. Mitteilung meint aber nur: Kommunikation auf Grund oder mit Bezug auf eine vorhergehende Mitteilung/Kommunikation. Zeitungen recherchieren nicht selbst sondern schreiben nacheinander voneinander oder gleichzeitig von den Presseagenturen ab (relevant ist, was in anderen Zeitungen steht), Weblog verstehen sich als Linkschleudern und Twitter verkommt immer mehr zum Chat.

Je länger eine Informationstechnischer Dienst läuft umso mehr schliesst er den kommunikativen Zirkel (Mitteilungen werden auf Grund von vorhergehenden Mitteilungen getätigt und nicht weil neue Informationen von aussen hinzukommen). Informationen die tatsächlich neu sind finden dann weder Möglichkeiten zum Einsickern noch Anhaltspunkte.

Da es immer einfacher wird sich mitzuteilen müsste man daher von einer Mitteilungsgesellschaft sprechen, die auf informationstechnischen Systemen beruht. Informationsgesellschaft trifft jedoch nicht zu, da neue Informationen überhaupt nicht mehr in “die Gesellschaft” vordringen (Beispiel wissenschaftliche Informationen, politische Informationen).

In der Zukunft werden sich die informationstechnischen Zirkel, die noch ziemlich parallel laufen, gegenseitig integrieren bzw. einen neuen grossen noch exklusiveren Zirkel formieren, der dann, durch seine interne Überreicherung an Information und Mitteilung kaum noch Sensoren für seine Umwelt hat. Hier ein Anzeichen.

* sinnvoll ist hier absolut wertfrei gemeint. Es meint nur, dass aktiv gestaltet wurde.

Wortreich intellektuell

Ich bin auch intellektuell!Fernsehen zu gucken wird ja zunehmend schwieriger, dennoch steht es, zumindest bei mir, immer noch weit oben auf der Liste wenn es gilt sich kurzzeitig oder auch mal länger selbstgewählt der Welt auszuliefern. Falls es nicht passt, wird eben um- oder abgeschaltet - es ist & bleibt ja alles relativ (oder soziologisch und damit in dem Falle korrekter: kontingent).

In meiner heutigen Verdauungsstunde errangen Gregor Gysi und Friedrich Merz meine Aufmerksamkeit, beide sassen gemeinsam auf einem Podium und flankierten den mir bis heute unbekannten Manfred Lütz, der sein Buch: Gott, eine kleine Geschichte des Größten vorstellte. Es scheint ja so üblich zu sein, dass man sich bei prominenten Buchveröffentlichungen Vertreter aus absichtlich unterschiedlichen Lagern holt, damit diese ein bisschen laudieren. Vielleicht macht man es, damit, wenn auch nicht im Stil einer Debatte, zumindest augenscheinlich auf Kontroversen hingewiesen werden, was ja letztendlich interessant ist und anregt, vor allem, wenn zwei so gestandene Politiker diese Funktion übernehmen.

Bevor es aber dazu kam Gysi und Merz zum Thema Gott zu hören, hatte das Wort der Autor. Er legte sogleich los und schon einer der ersten Sätze stimmte mich nachdenklich. Mitgeschrieben habe ich nicht, daher berufe ich mich mal auf andere Quellen:

Der Theologe, Psychotherapeut und Arzt Manfred Lütz geht in seinem Werk der Frage nach der Existenz Gottes nach. Diese Frage interessiere “entweder alle – oder keinen”, so Lütz.

Entweder alle oder keinen? Er schrieb ein ganzes Buch zum Thema und dann ist das eine seiner Thesen..? Es gibt ja Funktionssysteme, ohne die kommt das Individuum der modernen Gesellschaft nicht aus. Dazu zählen u.a. Wirtschaft, Gesundheit, Politik - ohne, wenn auch nur passive und abschätzige Beteiligung, ist man aufgeschmissen. Nicht zu diesem Notwendigkeitsreigen gehören jedoch z.B. Sport und Religion. Ob der Nachbar ins Fitnessstudio oder in die Kirche geht, ist doch egal, oder nicht? Jesus-Bibel, Fitness-Bibel ist aus dieser Perspektive doch das gleiche. “Alle oder keiner” ist unpassend blöd.

Seine nächste These, die später von Gysi aufgegriffen wurde, war: “Atheisten haben einfach nur einen anderen Gott.” Dem Transzendentalen sollen sie sich seiner Meinung nach anscheinend nicht verschliessen können. Vielleicht meinte er mit atheistisch unchristlich, wer weiss… Egal, was soll diese These? Sich unbeantwortete Fragen zu stellen, deren (mögliche) Antworten man nicht nachrechnen kann, die damit also immer beobachterabhängig bleiben, ist bereits religiöses Tun..? Naja, vielleicht war es anders gemeint.

So richtig durchblicken konnte ich nämlich nicht. Lütz schleuderte nur so mit psychologischer und philosophischer Semantik um sich, bei der man gleich merkte: Wenn Kant, Nitzsche oder sonst einer der lange Toten Denker zu behandeln waren erstarrte er vor Ehrfurcht und Respekt, denn er auch ständig bekundete, so dass ihm das Hinterfragen nicht möglich war. Nunja, er meinte, (und ich beziehe das jetzt direkt auf das rein-rezitative Geschwurfel) er habe das Buch im Urlaub geschrieben, hatte nur seinen Kopf und keine Literatur dabei (was so alles möglich ist unter dem Label der Wissenschaft…), da fällt das Stellen von Fragen natürlich schwer, wenn man Gedanken vom Kaliber der deutschen Philosophie ernsthaft diskutieren möchte, sie aber nur als Erinnerung im Kopf hat.

Ich war, um hier ein Fazit zu ziehen, angewiedert, hätte beinah jedem Satz widersprochen und fand es beinah erlösend als Gysi seine Einschätzung vortrug. Merz ist vorher eher, die intellektuelle Herausvorderung ergreifend, auf Lützers performatives- und inhatliches Niveau eingestiegen.

Da mir “Entweder alle - oder niemand” immer noch übel im Magen liegt hier noch ein Zitat (mit Hervorhebung von mir) eines wirklich klugen und tief im Internet versteckten Schreibers:

Wir sollten ein für alle mal Schluß machen mit organisierten und theologisierten Religionen. Wir wissen ja, daß unser Wissen immer nur Teilwissen ist und bleiben wird. Deshalb brauchen wir nicht ins Transzendente Nichtwissenkönnen auszuweichen. Soll jeder, wenn es um die Unendlichkeiten, die denkbar aber nicht zu veranschaulichen sind, glauben, was er will. Über Glauben zu reden, sollte heiliges Tabu werden, weil Reden hier nur Streit oder Unsinn an den Tag bringt. Wir sollten uns ruhig und gelassen auf das besinnen, was wir wirklich können und verantworten können, endlich akzeptieren, daß wir hier auf unserem Planeten alleine sind, niemand kann uns helfen, auch kein Gott und keine Götter, wenn wir es nicht selber tun. Wir sollten unsere Schularbeiten machen und das Leben hier vernünftig und für alle erträglich organisieren. Was dem im Wege steht, sollten wir abschaffen und, zur künftigen Abschreckung, in die Museen verbannen. Unsere Ressourcen hierfür sind durchaus ausreichend. Packen wir es an.

Abschliessend hier aber noch ein kleines Video des Verlages. Meine Vorwurfsgrundlage schimmert ein bisschen durch.