Olympia ist für mich immer ein Riesenspaß. Ich begeistere mich für Sportarten die ich sonst nie sehe und auch jetzt nicht verstehe und genieße meine Ferienlangeweile mit 15h täglicher Dauerbeschallung.
Diese Vorzüge des Olympiaaugusts lassen sich jedoch nur voll auskosten, wenn ich die Berichterstattung von ARD und ZDF so häufig wie möglich meide. Allenfalls die ZDF Berichterstattung auf deren Doku- und Infokanal trägt von öffentlich-rechtlicher Seite noch zu meiner Olympiaheiterkeit bei.
Eigentlich ist das Fass der Unerträglichkeit bzgl. öff’rechtl. Sportberichterstattung schon längst übergelaufen, doch vorhin schlug der größte Tropfen maßloser Frechheit in die Pfütze rund ums Fass. J.B. Kerner hatte Michael Johnson zu Gast und fragte ihn allen Ernstes, wie es sein kann, dass gerade der schnellste Läufer (er) einer 4 x 400 m Staffel nicht gedopt haben kann, wo doch die anderen drei gedopt haben. Die nächste Frage ging in ähnliche Richtung. Er frage, wie Johnson es bewerte, dass irgendein in Doping involvierter Artz oder Trainer (ich hab’s vergessen, so wichtig ist es auch nicht) sinngemäß meinte “unter 45 sek. kann man 400 m nicht ohne Doping laufen”.
Michael Johnson empfand diese Fragen als “stupid” und sagte das Kerner auch, woraufhin er journalistisch-methodisch angestachelt natürlich an dem Thema dran blieb.
Johnson hatte meiner Meinung nach völlig Recht, als er meinte, wer solche Aussagen wie die des Arzt/Trainers treffe aber selbst nicht zur Riege der Läufer gehört, sondern ein medizinischer oder journalistischer Fremdbeobachter ist, sei nicht ganz bei Sinnen. Tatsächlich, woher sollte man wissen was möglich ist und was nicht, bevor es passiert?
Und wessen Aufgabe ist es überhaupt, Doping nachzuweisen. Eine journalistische kann es nicht sein. Journalisten können Dopingnetzwerke, Geldströme oder Drogenlabore ausfindig machen und medial darstellen. Den einzelnen Sportler sollten sie jedoch in Frieden lassen, vor allem wenn sie nichts weiter in der Hand haben als Vermutungen und Unterstellungen. Ganz besonders dann, wenn sie nicht stichhaltig sind, sondern auf abenteuerlichen Privatlogiken beruhen.
Kerners Anmache gegenüber Johnson ist vor allem dadurch schlimm, dass sie in einem quasi Im-Auftrag-des-Deutschen-Volkes Modus daherkommt. Wenn ich könnte, würde ich mich bei Michael Johnson und allen anderen ZDF/ARD Opfern persönlich für meine GEZ-Beihilfe für dieses Affentheater entschuldigen.
Zurück zu meiner schlechten Meinung zur öff’rechtl. Berichterstattung die vor allem durch die schlechte Laune die dort auf beiden Kanälen herrscht bestimmt wird. Der Kerner-Johnson Fall lässt sich in diesem Rahmen ganz gut einbetten. Denn im Grunde läuft es ungefähr so: Wenn deutsche Sportler (für die öff’rechtl. Medien ist es vor allem ein Mannschaftswettkampf der Nationen statt Sportlerwettstreit) schlechte Leistungen bringen, dominiert die “Ratlosigkeit”, das beständige Wiederholen und eine eigene Olympiade der negativen Superlative das Programm. Wenn erfolgreiche Sportler kommen, drängt man sie zu einem Dopinggeständnis. Über das Verhältnis beider Extreme ist man sich jedoch nicht so ganz im klaren. Sowohl die Bewertung von Doping als auch die Bewertung “negativer” sportlichen Leistungen läuft dabei völlig aus dem Ruder.
Nach der Meinung von ARD und ZDF, könnte man mit Doping zum Frühstück am Nachmittag den Marathon in 2 Stunden laufen und ein 17er Platz in einer beliebigen Schwimmweltrangliste ist quasi mittelalterlich-provinziell. Und mehr Themen gibt’s eigentlich bei ARD/ZDF auch nicht…
Was mich noch alles nervt:
- Das ständige Anlabern der Athleten im Ausnahmezustand kurz hinterm Ziel. Klar lassen sich medial untherapierte Schwimmer dann zu negativen Statements bzgl. des eigenen Verbandes hinreisen. Damit ist jedoch allen tatsächlich beteiligten, vor allem dem Schwimmer, nur geschadet.
- Das ständige zappen zwischen den “Highlights” der Entscheidungen. Anstatt komplette Wettkämpfe zu zeigen, wie es bspw. Eurosport ganz wunderbar praktiziert, bekommt man alles in Häppchen. Einzelne Tischtennis- und Beachvolleyballsätze, eine Runde Fechten, 10 min Boxen, Schießen wird ignoriert, usw. Fussballhalbzeiten stellen bislang das Maximum an Konstanz dar.
- Die viele Moderation, teuer und zeitraubend, ist unterschwellig nervig. Sie kommt in einem schönen Kostüm daher, tolle Studios, tolle Locations, aber irgendwie nutzt ARD/ZDF diese Gelegenheit immer, um aus den Olympischen Spielen in Peking, den “Weltkriegsersatzevent” in China zu machen. Bei Eurosport fiebert man mit allen Athleten mit. Die Kommentatoren haben Lieblingssportler aus versch. Ländern, auf die sie sich freuen und von denen sie erzählen - aber bei ARD/ZDF dominiert einfach die Nationalität. In vielen Sportstätten sind extra deutsche Kameras installiert, damit bloß nicht das ausgewogene Bild der Veranstalter übernommen werden muss.
Mich nervt das alles total. Und es ist teuer.

August 15th, 2008 at 01:38
guter beitrag zum traurigen spiel was ARD/ZDF da veranstaltet … im ZDF Olympia Forum wird Kerner´s Show die er ggüber Johnson ablieferte auch heftigst kritisiert und sein Rausschmiss gefordert … ich hoffe es kommt dazu, ich persönlich gucke ab sofort nur noch Eurosport und I-net Streams … hoffentlich lernt das öff´rechtliche aus seinen Fehlern
August 15th, 2008 at 10:22
Sehr passender Beitrag, v.a. die Punkte 1-3!
Schon bei der Tour de France hatten die ZDF-Moderatoren nur schlechte Laune und einfach keinen Bock mehr auf Sport - Eurosport war für mich um Längen besser.
Bin nur froh, dass ich seit Jahren nicht mehr in Dt. wohne und damit der GEZ nichts schulde …
August 15th, 2008 at 10:50
Kann dir vollkommen zustimmen. Eine Schande, dass man sowas mit seinen GEZ-Gebühren finanzieren muss.
Und Kerner hat mal wieder bewiesen, dass er kein Moderator ist. Kaum gibt ihm mal jemand (zu Recht) Kontra, schon fängt er mit den Armen zu rudern an. “Sie machen Ihren Job, wir unseren” - wenn ich das schon höre. Michael Johnson hatte völlig Recht und ich bin froh, dass wenigstens das Publikum auf seiner Seite stand.
August 15th, 2008 at 17:00
[...] Forum des ZDF tobt dazu die Menge und fordern Kerners Rauswurf. Auch amazeman’s Artikel ist dazu [...]
August 17th, 2008 at 03:08
An sich nett. Nur:
Sie schreiben hier von “Fussballhalbzeiten”. Das zeigt, wie ahnungslos Sie durchs Sportgestrüpp steigen. Eine Halbzeit ist - wie der Name schon sagt - die Zeit zwischen der ersten und der zweiten Spielhälfte. Die angeblich erste und zweite Halbzeit gibt es schlicht nicht - auch wenn viele das durchs stete falsche Wiederholen denken….
August 17th, 2008 at 03:14
Und mich nervt - da haben Sie recht - dass ARD UND ZDF beide berichten müssen. Reicht nicht ein deutscher Öffi-Sender? Und dann dieser Riesenaufwand - täten es nicht auch einige Nummern kleiner? Tja, Geld verbrennen ist immer toll.
Was allerdings Kerner betrifft. Ich finde die Frage durchaus berechtigt, warum ausgerechnet der vierte im Bunde clean sein soll. Und auch die Frage: haben Sie jemals gedopt ist doch völlig berechtigt. Für alle Nörgler. Auf youtube ist das gesamte Interview in zwei Teilen noch einmal zu sehen und der komplette erste Teil befasst sich mit anderen Themen als Doping. So what? Dass den Sportlern das auf die Nerven geht ist auch klar - aber dass sie in dieser Leistungsmaschinerie oben bleiben müssen, auch… Also, where’s the beef?
August 23rd, 2008 at 21:48
Halbzeit ist die Zeit zwischen 1. und 2. Spielhälfte???!
Huarhuarhuar!!!
Du bist echt ein drolliges Kerlchen, selten so gelacht!
Danke für diesen geilen Witz!
Dass es echt noch Leute in Deutschland gilbt, die so wenig Ahnung von Fussball haben wie du, Halbzeit, unfassbar… *prust* HUARHUARHUAR!!!
Es ist natürlich die Spielhälfte, du Witzbold!
Oder als maximales Zugeständnis der Zeitpunkt, zu dem die erste Hälfte abgelaufen ist (ist völlig Banane, was davon stimmt, man nennt beides so…), aber ganz sicher ist es NICHT die Bezeichnung für die Pause zwischen beiden Hälften, du Möchtegernkenner ;)
Noch was:
Ständig ohne Beweise irgendwelche verdächtigen Sportler anzupöbeln ist einfach mal nervig und zeigt für mich eher, dass Kerner und all die anderen Reporterpflaumen sich schlicht und ergreifend nicht vernünftig auf die Interviews vorbereiten.
Ich will nicht ewig nur nervende Moralapostel, die mit dem Finger auf die Athleten zeigen, ich will verdammt nochmal über die Wettkämpfe informiert werden, über das Training oder die Beziehung zwischen den Konkurrenten oder weiss Gott was noch, aber nicht immer nur eindimensional das Doping als Thema, das nervt TIERISCH!
Wenn sie denn unbedingt aufklären wollen, dann sollen sie halt investigativen Journalismus betreiben, statt von ihren fetten Moderatorenärschen aus unbegründet Leute anzupöbeln! *grummel*
Zumal sowieso längst erwiesen ist, dass sicheres Dopen ohne erwischt zu werden möglich ist, das ist also eh eine Realität, mit der man leben muss.
Trotzdem find ich Leistungen wie die von Phelps oder den Jamaikanern bewundernswert, weil ich davon ausgehe, dass alle anderen auch gedopt sind, es herrscht also Waffengleichheit. Trotzdem dominieren die derart, dass es an ein Wunder grenzt, das ist fucking awesome und echt zu bewundern, Doping hin oder her!