Fliegen (metaphysisch & realistisch)

In Abendstunden wie eben (irgendwo anders soll’s ja gestürmt haben, hier jedoch nicht) kann man den Vögeln dabei zusehen, wie sie sich ihre Insekten aus der Luft fischen. Das Zusehen löst das selbe aus, was beim Zusehen von Fischen zum Kauf von Aquarien führt - man fühlt sich unterhalten und fragt sich, wie die Vögel es schaffen, das zu machen was sie machen.

Im Grunde versuchen die Vögel ja nur was alle versuchen, nämlich so mit der Welt klar zu kommen, dass sie sie noch eine Weile länger Erleben können. Auch mit ihren kleinen Gehirnen verstehen sie, anders als menschliche Babies, die mit Urvertrauen nicht zwischen sich und ihrer Mutter unterscheiden können und sich folglich aufs Erleben beschränken, dass sie selbst handeln müssen.

Menschen ordnen sich die Welt, indem sie sich auf Realität berufen und anderes davon als Zukunft, Himmel, Möglichkeit o.ä. unterscheiden. Der Mechanismus funktioniert so: Jeder hat seine höchstpersönliche Meinung über die Welt, und gleicht diese mittels Sprache sozial ab. Es handelt sich also um zwei Arten von Realität. Die erste ist höchstpersönlich und die zweite wird als Inkonsistenzreduktionsergebnis kontruiert. (Die Inkonsistenz ergibt sich, wenn viele persönliche Realitäten unkoordiniert aufeinandertreffen.) *

Vögel haben diese zweite Realitätsebene nicht. Sie leben alle in ihrer eigenen Welt - keine Massenmedien, keine Technologien, keine wirkliche Kommunikation.

Dennoch: Sie schaffen es, in einem dreidimensionalen Raum zu Leben, der ihnen keine Ruhe gestattet. Sie schaffen es, viel mehr Erleben zu verarbeiten und dürfen beim Staunen und Starren nicht verweilen, weil das quasi ihren Absturz bedeuten würde. Vielleicht schaffen sie das nur, in dem sie die anderen Lebewesen einfach ausblenden bzw. allenfalls auf Instinktebene entsprechend würdigen. (Nur zum eigenen Vorteil, woher auch immer sie Vorteil von Nachteil unterscheiden können.)

Diese egoistische Perspektive bricht sich auch beim Menschen immer dann Bahn, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Politiker und Wirtschafter unserer Zeit geben dafür genügend Anschauungsmaterial. Wenn die zweite Ebene der Realität nicht mehr durch Leidenserfahrungen wie denen durch Kriege “angereichert” wird, gerät die Realität aus den Fugen und zwingt alle Menschen auf einen Weg, der diese Leidenserfahrungen erneut und erneut hervorruft. Vielleicht irre ich mich, aber neben dieser Dialektik hat noch nichts den Lauf der Geschichte besser beschrieben.

Ein ständiges Auf und Ab - dem sich auch die zweidimensionale Menscheit nicht entziehen kann.

* Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Kapitel 1

Ein Kommentar zu “Fliegen (metaphysisch & realistisch)”

  1. kandelaber Says:

    schön. Mehr davon. Also von systemtheoretischen Gedankenspielen, inspiriert durch Alltagsbeobachtungen.

Schreibe einen Kommentar...