Wozu soziologische Methoden?

Soziologie erlaubt den Blick in die Genese von Sozialität. Sie beleuchtet Gründe und Hintergründe, Zwecke, Funktionen und Prozesse und sie ermöglicht Zugang zu Operationen und Strukturen des sozialen Miteinanders.

All diese - ihr eigenen, besonderen - Leistungen, schafft sie aus genau einem Grund: Ihr sind Methoden egal, sie setzt auf unverständliche, abstrahierende Theorie!!!

Methoden sind was für BWLer, VWLer, Pädagogen, Juristen, Psychologen, usw. Für alle, die sich entweder auf einen besonderen Teil von Sozialität spezialisiert haben oder für die Geisteswissenschaften, die sich auf eher anschlussfähigen statt realistischen Gesellschaftsannahmen fundieren möchten bzw. denen ein mathematisches Modell für ihre Zwecke ausreicht.

Es gibt gute Gründe Realität teilweise auszublenden, um den Fokus auf wichtiges zu lenken. Darstellungen von Vergleichen und Rankings sind anders gar nicht möglich und haben (manchmal) ihre Notwendigkeit.

Allerdings: die Behauptungen, mit standardisierter Methode ein Gesetz für die Bildung sozialer Ordnung zu finden (Konversationsanalyse), mit dem Lesen von Text latente Sinnstrukturen zu extrahieren (objektive Hermeneutik) oder durch Vergleiche allg. Wertigkeiten zu ermitteln (Benchmarking-Schruz) ist so naiv, dass sich kein von mir bevorzugter Soziologe ernsthaft mit sowas auseinandersetzen würde.

Und das ist ein großes Problem. Denn die Zweite-Klasse-Soziologen, die Methodenbücher schreiben und Realitätsbehauptungen aufstellen, werden von den gewinnbringenden soziologischen Gesellschaftstheoretikern so wenig beachtet, dass sie einfach machen dürfen was sie wollen. Und wir Studenten müssens ausbaden, weil es ein Pflichtseminar gibt, in dem wir uns mit diesem Humbug rumschlagen müssen.

Die einzige Methode die ich kennengelernt und sofort akzeptiert habe ist: “Teilnehmen oder Erinnern” um die Plausibilität einer soziol. Überlegung zu überprüfen. Diese kurze Darstellung kommt von Niklas Luhmann, dem grössten soziologischen Theoretiker und trifft genau den Punkt. Soziologische Erforschung der Wirklichkeit ist im Einzelnen immer ein Projekt und schafft als Ergebnisse niemals (einheitliche) Produkte.

Besonders amüsant ist immer zu verfolgen wenn soziol. Forschung ohne explizite Angabe einer Methode präsentiert wird, dann redet man nämlich tatsächlich über Plausibilität und Eigenheit des Gegenstandes und der Erkenntnisse, während bei der Bemühung von Methoden immer die Methoden im Mittelpunkt stehen, die dann wortreich, kritisch und zu Recht hinterfragt werden.

Ein Kommentar zu “Wozu soziologische Methoden?”

  1. Enno Aljets Says:

    Ich würde dir gern zustimmen, kann es aber nicht. Und zwar aus einem nicht-rationalen Grund: Mein Bauchgefühl sagt mir eben etwas anderes. Die großen Soziologen, die du teils ungenannt nennst, haben schon ihre eigene Methode, die unter methodologischen Gesichtspunkten überhaupt keinen Bestand hätte. Goffman, Luhmann und wohl auch Kieserling, um nur mal zwei weitere Namen in den Raum zu werfen, sind eben auch sehr feinsinnige Beobachter sozialer Realität UND haben das Vermögen ihre Beobachtungen auf einen größeren Kontext zu beziehen. Das machen sie zwar abstrakt, aber plausibel.

    Insofern braucht die Soziologie auf jeden Fall eine Methode! Denn die “Großen” haben diese eben auch, verwenden sie aber implizit.

    Und ich denke, dass eine “Methodenkurs” keine sinnvollen Methoden lehren kann. Denn implizite Inhalte lassen sich nicht explizit erklären. Dabei werden sie in ihrer Qualität zerstört.

    Ich gebe dir also auf der einen Seite meine Zustimmung: Explizite Methodenlehre taugt nichts. Aber ich widerspreche dir andererseits: Soziologie braucht Methode!

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