Beinah 4 Stunden Hörsaal stecken heute Abend in meinen Beinen. Hörsaal bedeutete (das ist bestimmt sehr Fachabhängig) für uns Seminar-Soziologen mal wieder ein bisschen Grundstudiumsatmosphäre. Viele Gesichter, darunter kaum bekannte, keine Bewegungsfreiheit, freie Sitze in der Mitte und bevölkerte Treppen. (Und, aber das verbuche ich als Sonderfall, keine Klimaanlage.)
Postitiv ist jedoch, dass man mal mitbekommt wie die unbekannten Kommilitonen so ticken. Gerade heute war dies sehr interessant, da es für einige um die existentielle Frage: Was mach ich bloss mit meinem Studium? ging.
Festzuhalten bleiben vor allem zwei Punkte, die mich doch sehr überrascht haben. Erstens, Studenten der Soziologie finden es problematisch, dass es für sie keine Berufsbilder gibt auf die sie sich direkt bewerben können (da folgen dann die oft zitierten Anmerkungen bzgl. der echten Professionen ala Ärtze, Juristen usw.) Zweitens, Studenten der Soziologie und Politikwissenschaften haben Angst, dass ihr mühsam erarbeitetes Wissen zwischen den harten Mühlsteinen der Realität zerrieben wird.
Dazu will ich mir mal zwei Anmerkungen festhalten.
1. Die Angst durch die Wofür-Studiere-Ich-eigentlich-Problematik lässt sich aushebeln in dem man die Frage einfach umdreht. Der Vorteil des Medizin-, Jura-, Lehramtsstudiums ist, dass es dafür vorgefertigte Berufspositionen gibt. Der mitgelieferte Nachteil ist, dass die anderen Berufsbilder für die Absolventen dieser Studiengänge verschlossen sind. Zudem kommt man, wenn man den Fokus etwas öffnet zu einem ganz anderen Bild (das angehende Soziologen eigentlich kennen sollten), dem sich die Frage anschliesst: Wie wird man eigentlich Berater, Verwalter, Manager, Politiker, Beamter, usw? Aus der Berufsperspektive erkennt man so doch recht schnell, dass die meisten der Berufe keinen vorgefertigten Studiengang für Rekrutierungen zur Verfügung haben. Und dann kommt man zu der Frage: Welches Studium eignet sich eigentlich am besten um in eine unbestimmte, offene Zukunft zu gehen? Doch wohl die Soziologie! Wenn mans richtig macht und nicht an verkorksten Unis landet, hat man nach 10 Semestern ein Betriebssystem im Kopf auf dem fast alle Programme der Gesellschaft laufen können. (Spezifische Qualifikationen fehlen natürlich - das Argument hält diesen Umstand aber aus.)
2. Die Angst, nach dem Studium nicht soziologisch tätig zu sein und das angesprochene Betriebssystem langsam wieder zu löschen ist berechtigt, aber auch kein großes Problem. Man kann, muss es aber nicht so homozentrisch besehen wie der Rest der Welt, die glaubt, dass man alles glauben muss, was einem die Alltagssemantik vorgaugelt. Klar liegen die Verlockungen nahe, aber man kann doch sein eigenes Verhalten mitreflektieren. Wenn man einmal richtig Soziologie studiert hat, erkennt man die Drehbücher hinter den Theaterstücken der Welt doch automatisch. Wer trotzdem zum selbstherrlichen Darsteller mutiert, dem ist eben nicht zu helfen. (Der Platz für Soziologen ist sowieso begrenzt.)
Besonders merkwürdig ist an dieser Stelle auch die Theorie-Praxis-Differenz, die immer mitschwingt und einigen vorgaugelt, sie könnten in der Praxis die Theorie hoch halten. Genau besehen kennt die Soziologie keine Praxis. Praxis sind immer die anderen. Nur die Beobachtung der Praxis (auch der eigenen (zugegeben Paradox)) ist Soziologie. Die Grenze ist, für mich, eigentlich eine der fundamentalsten die die Soziologie beschreiben. Das bedeutet aber gerade kein Entweder-Oder. Ohne Praxen keine Soziologie, ohne Soziologie noch komischere Praxen
Insgesamt sind mir die studierenden Soziologen doch etwas zu zaghaft im Umgang mit ihrer Wissenschaft. Sie beobachtet alle Praxen darin, wie sie die Weltherrschaft an sich reissen wollen und mißachten das eigene Potential. Vielleicht sollte man in den nächsten Veranstaltungen dieser Art zusätzlich thematisieren und klären, warum und wie die ‘Stellensuche’ der ‘Initiativbewerbung’ untergeordnet werden sollte/müßte.
(Bild: Pink Dispatcher)

April 20th, 2008 at 14:23
guter Text. Sollte viel öfter betont werden, wieviele Türen einem nach dem Studium der Soziologie offen stehen. Und dass man seine Biographie viel interessanter gestalten kann, als wenn man bspw. ein Leben lang Zahnarzt wäre. Erst wissenschaftl. Mitarbeiter, dann etwas Journalismus, danach irgendwas in der Privatwirtschaft, zwischenzeitlich vielleicht mal die Selbstständigkeit versuchen… ich find’s großartig, stehe aber noch am Anfang - BA Powi 2006, in Bielefeld ;)
Gruß aus Berlin
April 21st, 2008 at 09:08
Hallo Stephan,
wie es sich immer wieder lohnt, deinen Feed abonniert zu haben! ;-)
Auf diesem Wege erst einmal ein Dank für das Feedback dieser Veranstaltung (ob gewollt oder nicht: Du solltest mittlerweile wissen, dass ich hier mitlese :-) ).
Um das Feld von hinten aufzurollen: Ich teile deine Meinung absolut und denke, dass da auch schon ein gewisser Funken der Veranstaltung übergesprungen ist: Soziologen und Powis aus Bielefeld sollten den Weg in die Praxis vor allem über die Initiativbewerbung gehen. Wer sich den beobachtenden Querulanten leisten kann/will, wird diese Stelle sicher nicht ausschreiben. Oder man muss denjenigen überhaupt erst vermitteln, dass sie diese Stelle brauchen!
Zaghaft, ängstlich, unsicher. Viele unserer Kommilitonen treten in ihrem noch nicht vorhandenen Selbstverständnis bei der Frage nach einem geeigneten Praktikumsplatz/Berufsfeld mit den genannten Eigenschaften auf. Aber dieses Reflexionsniveau, das du hier, wie selbstverständlich, an den Tag legst, ist zwar zu begrüßen, aber leider (noch) nicht weit verbreitet unter den Studierenden. Denn sehr wohl kann man die Frage umdrehen und den Blick auf die Freiheit der Berufswahl genießen. Aber Freiheit bedeutet in diesem Fall wieder Ungewissheit, die von vielen (mich eingeschlossen) eben nicht immer und selten nur über die Zeit eines kompletten Studienganges ertragen werden kann/will.
Und hier schließt sich der Kreis. Wir haben die Wahl zu tun, was wir können und was uns interessiert. Wenn es denn jemanden gibt, der zu schätzen weiß und den es interessiert, was wir können. Das muss denjenigen und vor allem uns selbst erst einmal gewahr werden. Und das geht am besten über die eigene Initiative.
Abschließend zu deinem Beginn: Am 31. werden wir wohl die geringste Zeit im Hörsaal verbringen!
April 21st, 2008 at 09:41
@Wolf - Wir werden da wohl (alle) immer am Anfang stehen… ;-)
@Enno - jo, durch son Studium muss man halt durch. Falls man arge Motivationsprobleme hat, kann man sich immernoch mit Linguisten oder Sportstudenten darüber unterhalten, wie es bei ihnen aussieht. Das ist zwar eine, für die anderen etwas hinterlästige Strategie - dennoch führt es vor Augen wie gut man mit Soziologie eigentlich aufgestellt ist. (Mit Sport und Liguistik auch, aber da muss man schon eher wissen, wohin einen der Weg bringen soll.)
Wie gesagt, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen finde ich die richtige Strategie für das Seminar. (Auch wenn es ungewohnt ist.)
April 21st, 2008 at 10:30
Ja, durch muss man. Und das bereitet halt des öfteren Unbehagen, welches soziologisch kaum bis überhaupt nicht thematisiert wird. Schon seltsam für eine Disziplin, die sich selbst dadurch beschreibt, den Modus der Beobachtung zweiter Ordnung besonders exzessiv einstudiert zu haben…
April 21st, 2008 at 12:35
ABER: Es ist auch ein grosser & angenehmer Vorteil, dass angehende Soziologen nicht mit dem Selbstverständnis der VWLer durch die Welt gehen.
Sie leiten aus ihreren Theorien ja Weltbeherrscherstrategien ab (hab ich unlängst erst schwarz auf weiss festgestellt, wie krass sie eigentlich in dem Punkt sind).
Davor sollten sich Soziologen selbst bewahren.
April 21st, 2008 at 15:23
Ja, aber davon sind wir ja weit, weit entfernt. Ein gesundes Selbstbewusstsein muss ja nicht gleich in grenzenloser Selbstüberschätzung ausarten. :-)