“Nichts ist praktischer als eine gute Theorie” - Klingt als Spruch ganz toll. Tangiert mich und alle anderen fähigen Soziologen in Bielefeld aber nicht. Eine gut umfasste und durchdefinierte Gegenständlichkeit führt nicht automatisch zu einer (praktischen) Theorie, die diese Gegenständlichkeit, womöglich noch dieser Gegenständlichkeit selbst, so aufzeigt, dass damit irgendwer - wir oder sie - etwas anfängen können.
Die Soziologie ist keine Lehre, weder von Betrieben noch von Wirtschaft, sondern eine eigenständige und respektlose Perspektivsuche. Im Zentrum steht nicht der Gegenstand sondern die Beobachtung. Daher leitet sich auch jegliche Theorie über einen sozialen Gegenstand (von Interaktion bis Gesellschaft) als ein Auswuchs einer Theorie des Beobachtens ab. Und bleibt pure Beobachtung. Jegliche Initiative, die darauf basiert, ist keine Soziologie mehr, sondern gehört zum Gegenstand, ist nicht Erkenntnishandlung auf Basis der Beobachtung sondern Auswuchs des ursprünglichen Gegenstandes der beobachtet wurde und weiter beobachtet wird.
Die Soziolgie kennt keine Ideale, nur dargelegte, hergeleitete oder beobachtete Vergleichsmöglichkeiten (plural!). Sie versteht sich als vernünftige Abkehr von der Vernunft (Detlef Krause) oder als Abklärung der Aufklärung (Luhmann, Stefan Lange).
Interessant wird es nächstes Semester in Bielefeld, wenn es ein Seminar zu “Organisation und Genozid” (in dem Falle den Holocaust) geben wird. Die Gegenständlichkeit, die ohne moralische Nebensätze beinah nicht kommunizierbar ist, aus soziologischer Perspektive betrachtet. Jenseits jeglicher Semantik (wie “Mensch”, “Täter”, “Opfer”, “Nationalität”) oder historischer Singularitätsvermutung ist da soziologischer, und damit für alle die wollen, Erkenntnisgewinn zu erwarten, der dann in mehr oder weniger auftherapierter Form auf Anschlußsuche geht.
