On-, und Offline Geheimnisse

‘Ihr Zeichen’, ‘Unser Zeichen’, ‘Aktenzeichen’ - soviel Stress macht sich die Post zu Recht, weil ein Werbebrief vom Oktober 07 an mich irgendwo verlorengegangen war, der nun wieder aufgetaucht ist.

Geheimnis

Dabei ist es, was den Informationswert angeht, nur Spam. Nur der Mitteilungsweg war ein anderer… Das gibt doch zu denken, was die gerade heute wieder topaktuelle Debatte um Onlinedurchsuchung und Vorratsdatenspeicherung angeht.

Onlinedurchsuchung bedeutet Lesen von E-Mails. Unvorstellbar und undenkbar, das gleiche Informationen in ausgedruckter Form in gleicher Weise als Unter- und Durchsuchungsgegenstand zur Debatte stehen…

Im Grunde handelt es sich um eine Diskriminierung des Mitteilungsaktes - Informationsunabhängig. Wo doch die Informationen so in den Mittelpunkt gestellt werden.

Obama, the man in the mirror

Es gibt ja (in Deutschland problematischerweise nicht) einen paradoxen Unterschied zwischen Wahlkampf und Tagespolitik, der darauf hinausläuft, das in Wahlkampfreden das gesagt wird, was das Volk verlangt, während in der Tagespolitik Kompromisse eingegangen werden und Abstriche gemacht werden müssen, so dass sich letztendlich keine Sachlage so gebärdet, wie sich das Volk das vorstellt.

Wahlkampfzeiten sind Zeiten in denen dem Volk das Wort gesprochen wird. Und neuerdings, seit der medialen Ausschlachtung von allem was sich bewegt, wird auch noch viel Wert auf das Wie des Wortes gelegt. Das Wort, an das man sich bindet, überzeugt nicht mehr von allein, sondern muss präzise aber deutungsoffen gewählt, schön verpackt und aufrichtig dargeboten werden. Heraus kommen dann Schlachtrufe wie: Yes we can, Change, we can believe in und Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.

Bei diesen Beispielen hat es gut geklappt, doch wie verpackt man es? Gibt es allgemeine Gesetze oder Vorbilder? Man erkennt hier ein Mangel an Bildung deutsche Politiker. Da sie immer erst aufwendig parteipolitisch sozialisiert werden, was ungefähr 30 Jahre dauert, hinken sie ebenso viele Jahre hinterher und haben keine Ahnung davon warum und wie sie politische Botschaften verpacken und darbieten sollen. Sie vertrauen immer noch auf die Worte allein. Es gibt dann Flugblätter, neuerdings Videos (die, auch den Politiker selbst, viel zu peinlich zum verlinken sind) und Infostände in den Einkaufspassagen.

Die amerikanischen Wahlkämpfer haben dem Volke genauer zugesehen und erkannt was es heißt eine gute Symbiose aus Form und Inhalt zu kreieren. Spannungsbögen, Symbole, große Bühnen, Publikum - sie haben alles was es braucht. Und wenn man genau hinsieht, erkennt man auch wo die Gestaltungskunst herkommt.

Und jetzt meine Vermutung: Barack Obama gründet seinen ganzen Wahlkampf, Form und Inhalt, der Vorwahlzeit auf diesen 20 Jahre alten Auftritt von Michael Jackson.

Rainald Grebe


Mein kleiner Garten


Hier wird zuerst zerstört und dann alles sich selbst überlassen. Eigentlich ein echtes Männerspielzeug…

Wahlbeobachtungen - kl. Ergänzung

Es überrascht mich immer wieder zu sehen, wie einfach die politische Partizipation in Amerika ist. Theoretisch hab ich es (teilweise mit) abgehandelt, hier aber noch ein Verweis auf gut dokumentierte Empirie: Einige Bemerkungen zu den Anti- und Pro-Millitär-Demonstrationen in Berkeley.

Es bestätigen sich zwei Thesen: 1. In Amerika braucht es weder Parteien noch Politiker um Politik zu machen. Bürger und entsprechende Strukturen reichen völlig aus. 2. Die größten (konstruktiven*) Engagements gegen die amerikanische Bundesregierung sind in Amerika selbst zu beobachten.

*Aufgeputschte Mobs auf den Strassen einiger Länder werden nicht unter Engagement verbucht.

Faule Fussballer fleissig rechnen

Die Vorurteile gegenüber Beamten und Fussballern verlieren so langsam ihre Gültigkeit. So weiß die Analyseabteilung der FAZ über die europäischen Spitzenfussballer und -clubs u.a. zu berichten:

Mathieu Flamini von Arsenal London verfügt über die höchste individuelle Laufkomponente in Europa und absolviert im Schnitt 14 Kilometer pro Spiel, zwei bis drei mehr als alle anderen.

Flamini rennt also quasi 70 mal pro Spiel das Feld auf und ab. Wenn er die 400m Runden drumherum laufen würde, wären das 35 Runden, also alle 3 Min. einmal rum. Und wofür das ganze? Um knapp 5 Minuten denn Ball zu spielen, halten tut er ihn jedoch nie länger als 3 Sekunden.

Ganz schief gerechnet, bedeutet das: David Beckham, der 30 Mio Dollar pro Jahr in Amerika verdient, jede Woche ein Mal spielt und pro Spiel 5 Min am Ball ist, verdient pro Ballkontakt (hier 25 pro Spiel): 23076 Dollar. ;-)

wenn man jetzt die 5 Min auf 3 Sek. Ballbesitzt (plural) runterbricht, sind es 100 Ballkontakte - aber der Ball fliegt ja auch sehr lang, wenn mans richtig macht. Diese Zeit ziehen wir pauschal ab.

Wahlbeobachtungen - Humor/Ernsthaftigkeit

Über Personen/Parteien und Vertrauen/Programme ist schon viel gesagt. Fehlt noch eine Wahlkampfbeobachtung, die einen fundamentalen Unterschied zwischen Amerika und Deutschland bezeichnet: Das (Selbst-)Verständnis der Amtskandidaten darüber, ob man als Politiker eine ernsthafte Trivialmaschine mimen oder ein ganzer Mensch sein darf. Dazu aber nur ein Verweis auf eine passende Beschreibung: Der US-Comedy-Wahlkampf 2008 im Fernsehlexikon.

So richtig differenztheoretisch aufziehen liese sich dieses Thema auch gar nicht. In Deutschland gibt es keine lustigen Politiker. Sie war die letzte die zum Mitlachen anregte. Er hat vielleicht Potential, dafür ist aber beinah ausgeschlossen, dass aus ihm je ein echter Spitzenkandidat wird bevor ihn die Parteidisziplin entmenschlicht.

Meine Lieblingsmusik

Das hier gehört nun schon seit ner Weile zu meiner Top 30 Liste, die ich vorrangig höre.

Ich galube, es gibt zu wenig Bands die sich um die ästhetische Gesamtkonzeption ihrer Arbeit Gedanken machen. Oder die anderen gefallen mir einfach nicht so wie das, was bei Angels ans Airwaves herauskommt…

Wahlbeobachtungen - Vertrauen/Versprechen

Deutsche Wahlkämpfe machen keinen Spaß. Sie lenken die Politiker vom Tagesgeschäft ab und führen beim Wähler zu langweiliger Nerverei in Fußgängerzonen und Briefkästen. In Wahlkampfzeiten sind die Straßenzüge mit nichts sagenden Politikerköpfen zugepflastert (oder schlimmer) und überall finden vereinzelt kleine Veranstaltungen in Gemeinderäumen statt, in denen Sachexperten und Sympathieträger erzählen, weshalb die Welt gerade schlecht ist und es sich lohnt ihre Partei zu wählen. An guten Tagen sind Marktplätze voll. Vorne hört man dann anständig zu was erzählt wird und hinten pfeift man rum.

Amerikanische Wahlkampfzeiten sind dagegen ein riesen Spaß. Fußgängerzonen werden mit allen möglichen Kram behangen (oder bemalt) und es gibt Spielerein für die ganze Familie. Alle sind dabei. Wenn jemand zu einer Veranstaltung läd, ist es der Kandidat selbst der kommt und von Zehntausenden erwartet wird. Und wer nicht dabei sein kann, wird so eingestimmt.

In Amerika spielt allein die Person, der Kandidat für ein politisches Amt, eine Rolle. Seine Herkunft, seine Vorhaben, Visionen und Ideen sind entscheidend. Programm und Parteizugehörigkeit stehen hinten an. In Deutschland ist diese Art des Personenkults historisch verdorben. In Amerika ist er das politische Nonplusultra. Es motiviert die Wähler, trotz ihrer Enttäuschungen und dem allgegenwärtigen Misstrauen der Politik gegenüber, Beziehungen und Vertrauen zu Politikern aufzubauen, und so das Hier und Jetzt der Politik nicht nur erträglich zu machen - sondern aktiv mitzugestalten und so zu ermöglichen. Zu beobachten ist außerdem, dass je schlechter die allgemeine Lage eingeschätzt wird, die Wahlkampfpartizipation umso höher in der Bevölkerung zu beobachten ist. (In Deutschland ist es, bis es mal richtig knallt, genau entgegengesetzt zu beobachten. Politische Enttäuschung wirkt sich als Politikverdrossenheit aus.)

Ein entscheidender Unterschied zwischen Deutschland und Amerika ist, dass in Deutschland Parteien und in Amerika Personen gewählt werden. (Nachlesen)

Entscheidend ist aber auch, auf was der Schwerpunkt des Wahlkampfes gelegt wird. Soll es um Emotionen, persönliches Vertrauen und Anteilnahme oder um Fakten, Programme und Versprechen gehen? Wie wichtig ist ein detailliertes Programm, dass in all seinen Fakten, Themen und Aspekten dem Wähler zum Vergleich mit anderen Parteiprogrammen anregen und seine Wahlentscheidung herleiten soll?

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Meine Lieblingsuhr


Wahlbeobachtungen - Person/Partei

Wahljahre sind Ausnahmezeiten, nicht nur in Amerika. Vor allem in Deutschland kennt man das Problem, dass in Wahlkampfzeiten beinah jedes politische Engagement und Personal auf die Zeit nach der Wahl ausgerichtet wird und die Tagespolitik dadurch auf der Strecke bleibt. Dass gerade dann, wenn Politik dem Wähler gegenüber als besonders wichtig dargestellt wird, (entscheidende) Politik selbst kaum mehr stattfindet, ist ein Paradox, dass als Symptom eher auf allgemein menschliche Schwächen verweist, als auf Probleme der Politik zurückzuführen ist. Eine der langfristigen, und damit von der Politik umbeherrschbaren, Nebenfolgen ist eine allgemeine Politikverdrossenheit in zwei Etappen. Zuerst ist man von der Partei, der man am nächsten steht, enttäuscht, danach verdammt man allmählich das gesamte politische System.

Beim Betrachten der Vorwahlen in Amerika, den jubelnden, begeisterten Menschen und der großen Reden der Politiker vor zehntausenden Menschen scheint man den Eindruck zu gewinnen, dass es diese Art der Politikverdrossenheit nicht gibt. Allem Augenschein nach liegt es an der starken Personenzentrierung, die die Parteien entlastet und Politik zu einer Verkettung epochaler Phänomene werden lässt, anstatt im Einheitsbrei aus Wahlversprechen der Parteien und Enttäuschung der Wähler aufzugehen.
Im Folgenden nun detailierte Beobachtungen der Parteien-Personen-Differenzierung bezogen auf Politik am Bsp. der amerikanischen und deutschen Wahlkämpfe. Die Beobachtung schließt vieles kategorisch aus, das zumindestens erwähnenswert ist, hier aber dennoch nicht erwähnt wird. Zur Ergänzung empfehle ich: Die Grobstruktur der USA nachzulesen. Das Grundgefüge der USA birgt einige Überraschungen in sich, die zu Wissen das Verständnis, auch des folgenden Textes, erleichtert.

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Praktische Theorien

“Nichts ist praktischer als eine gute Theorie” - Klingt als Spruch ganz toll. Tangiert mich und alle anderen fähigen Soziologen in Bielefeld aber nicht. Eine gut umfasste und durchdefinierte Gegenständlichkeit führt nicht automatisch zu einer (praktischen) Theorie, die diese Gegenständlichkeit, womöglich noch dieser Gegenständlichkeit selbst, so aufzeigt, dass damit irgendwer - wir oder sie - etwas anfängen können.

Die Soziologie ist keine Lehre, weder von Betrieben noch von Wirtschaft, sondern eine eigenständige und respektlose Perspektivsuche. Im Zentrum steht nicht der Gegenstand sondern die Beobachtung. Daher leitet sich auch jegliche Theorie über einen sozialen Gegenstand (von Interaktion bis Gesellschaft) als ein Auswuchs einer Theorie des Beobachtens ab. Und bleibt pure Beobachtung. Jegliche Initiative, die darauf basiert, ist keine Soziologie mehr, sondern gehört zum Gegenstand, ist nicht Erkenntnishandlung auf Basis der Beobachtung sondern Auswuchs des ursprünglichen Gegenstandes der beobachtet wurde und weiter beobachtet wird.

Die Soziolgie kennt keine Ideale, nur dargelegte, hergeleitete oder beobachtete Vergleichsmöglichkeiten (plural!). Sie versteht sich als vernünftige Abkehr von der Vernunft (Detlef Krause) oder als Abklärung der Aufklärung (Luhmann, Stefan Lange).

Interessant wird es nächstes Semester in Bielefeld, wenn es ein Seminar zu “Organisation und Genozid” (in dem Falle den Holocaust) geben wird. Die Gegenständlichkeit, die ohne moralische Nebensätze beinah nicht kommunizierbar ist, aus soziologischer Perspektive betrachtet. Jenseits jeglicher Semantik (wie “Mensch”, “Täter”, “Opfer”, “Nationalität”) oder historischer Singularitätsvermutung ist da soziologischer, und damit für alle die wollen, Erkenntnisgewinn zu erwarten, der dann in mehr oder weniger auftherapierter Form auf Anschlußsuche geht.