Mit dem Hegelzitat: "Die kühlen und klugen Philosophen! Wie mitleidig lächeln sie herab auf die Selbstquälereien und Wahnsinnigkeiten eines armen Don Quijote, und all ihrer Schulweisheit merken sie nicht, dass jene Donqijoterie dennoch das Preisenswerteste des Lebens, ja das Leben selbst ist und daß diese Donquijoterie die ganze Welt mit allem, was darauf philosphiert, musiziert, ackert und gähnt, zu kühlem Schwunge beflügelt." begann Eberhard Straub heute in der FAZ einen Rundumschlag durch 400 Jahre Aufklärung, Erkenntnisgewinn, Politik, Denkerei, Poesie, … und das ohne mir einleitend mitzuteilen wer denn Don Quijote überhaupt ist. Nachdem ich so ab Zeile 30 bemerkte das dies dann doch eine zu sehr grundlegende Wissenslücke für diesen Bericht ist, informierte ich mich bei Wikipedia. Also der Don Quijote ist eine legendäre Figur aus der Literatur bzw. dem realen Leben an dem sich die diesbezügliche Literatur orientiert… Der Don Quijote ist ein Landadliger der anfang des 17 Jhr. einen Ritterroman nach dem anderen "verschlang" und dadurch einen "Lektüreschaden" erleidet - er sieht die Welt plötzlich nur noch durch die angelesene Ritterbrille, verändert seine ganze Wahrnehmung und geht dabei komplett in der Ritterlichkeit auf - eine Schenke wird zur Burg, eine Dirne zur Burgfräulein, Windmühlen werden zu Riesen die er mit erhobenen Schwerte bekämpft (an dieser Stelle ärgere ich mich einmal mehr, dass ich immer noch nicht die Tintenblut und Tintenherz Bücher von Cornelia Funke gelesen hab in der nach Aussage meiner kleinen Schwester auch Personen zwischen Literatur und Realität hin und her wechseln).
Nuju - also ich begann dann ein zweites Mal mit dem Artikel und wurde wahrlich überrascht. Denn dieser Don Quijote der nach 1000 Jahren Mittelaltermoral nicht mehr Gott folgte sondern sein Leben allein seinen Idealen unterwarf - hatte so unglaublich und nachvollziehbar viel Einfluss auf die Welt bis heute. Sein Leben wurde von so vielen Menschen gelesen… Diesen Montag erlebte ich wie sich unser Dekan freute das einer seiner aktuellen Berichte vom chinesichen Arbeitsminister gelesen wurde - doch Don Quijote wurde von Hegel, Schiller, Schlegel, Goethe, Schoppenhauer, usw. gelesen und hatte spürbaren Einfluss auf das neue Menschenbild, das neue Verständnis von Ästhetik und so viel mehr.
Und das coolste - die Religion wurde nicht nur aus dem Focus geschoben sondern bekam noch ne richtige Klatsche ab - Denn eine der ganz wichtigen Fragen die Don Quijote aufwarf war Wer ist eigentlich ein Narr? Ist es derjenige der sich selbst werwirklicht und dabei glücklich ist egal wie albern es nach außen aussieht - oder ist es der der feststellt das es albern ist wie sich so einige mit ihrem neuen Weltverständiss selbstwerwirklichen… Mit Hegels Antwort darauf begann der FAZ Text (meiner ja auch ;-)
Und auf einmal waren sie da - die scheinbar unversöhnlichen Gegensätze… Es entstand die Tragikomödie, "Ideal und Real, Prosa und Poesie, Kunst und Natur" aber auch das neue Ziel - das erreichen des Schönen, die Herstellung der Harmonie - per ästhetischer, ausgewogener und wechselseitiger Durchdringung des Inneren und Äußeren. Aber wie das denn geht weiß nun, nach Abschaffung des Gottes, keiner mehr - aber wieso sollte nicht auch, und vor allem nach Studium dieses Artikels, der Spruch "Der Weg ist das Ziel" in Don Quijote seinen Ursprung haben… Schiller meinte im Eindruck des Don Quijote "Wisset, ein erhabener Sinn / legt das Große in das Leben, aber sucht es nicht darin."
Der ganze Artikel ging dann noch weiter mit einem grossen Einblick in der Geschichte der europäischen Orientierung zw. Mittelalterende und Heute, legt noch einige Grundlagen unseres heutigen Habituses dar und ist insgesamt wirklich toll zu lesen. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es einen dazu passenden beinah 200 Jahre alten Text von Kierkegaard zu lesen, der ganz in der Absicht der Don-Quijote-Literatur, unter dem Titel "Wie man Kindern Geschichten erzählt" aufzeigt wer (& warum sie) die Narren dieser Welt sind.
